Tannoy
- Pressebericht  
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Lautsprecher Tannoy Turnberry HE
(Bericht: Audiophile 1/2001)

Die Moderne ist hier zu Ende. Bei Tannoy, der ältesten Lautsprecher-Manufaktur der Welt ("since 1926"), hält man in einigen Abteilungen nichts vom modischen Zeitgeist-Schnickschnack. Schlanke Boxen, kleine Bässe, wohnraumfreundliche Abmessungen? Albernheiten, die doch nur von Engländern erdacht worden sein können. Prestige verdient man sich im Schottischen mit gradlinigen Tugenden. Mit HiFi für Fortgeschrittene, wie es die Turnberry HE repräsentiert. Dieses eigenwillige Hörmöbel erscheint wie ein augenzwinkerndes Sammelsurium der 75-jährigen Tannoy - Geschichte.

Die zentrale Technik, das koaxiale 25-Zentimeter-Chassis, fußt auf Erkenntnissen der Nachkriegszeit (Membranmaterial: Pappe - was sonst!), und ihr Design folgt Idealen aus der Jugend von Queen Mum. Dabei ist die Turnberry (Jahrgang '98) noch der moderateste Spross der Prestige-Familie. Ganz Abgebrühten empfehle ich, einen Hörtermin mit der Canterbury (38er-Koax) oder der noch stattlicheren, horngestützten Westminster. Beide erfordern hohe Reife und vom sozialen Umfeld des potenziellen Besitzers ein gerüttelt Maß an Toleranz und Verständnis.

Skurril sind vor allem die Gehäuse. Diese viktorianischen Verzierungen an der Front, diese abschließbare Bespannung, diese braun getünchte Rückwand. Und diese Proportionen: Die Turnberry kommt mit breiter Brust und relativ geringer Tiefe daher. Für einen 25er-Bass bietet sie zwar viel Volumen (wie es früher halt Usus war), wiegt aber erstaunlich wenig. Die Wandstärke ist mit 16 Millimetern reichlich sparsam ausgefallen. "Typisch", könnte man meinen, aber die Schotten zelebrieren hier die "Kunst des schwingenden Gehäuses". Spendor machte früher so etwas, High-End-Extremisten wie Keith Aschenbrenner tun es heute noch: Relativ dünne Holzplatten schwingen wie der Korpus einer Gitarre und unterstützen so einzelne Tieftonbe- reiche. Das muss keineswegs schlecht klingen, aber ein trocken präziser Bass ist mit solchen Konstruktionen nicht zu erreichen. Das gilt auch für die Turnberry. Doch sie hat Stil. Und Charme.

Und Tannoys "Dual-Concentric"-Koaxialtreiber. Bei diesen Kombi-Chassis sitzt der Hochtöner in der Schwingspulen-Aussparung des Basses. Paul Klipsch verfasste 1969 unter dem Titel Modulation Distortion in Loudspeakers ein Traktat gegen solche Koax-Systeme. Sein Fazit: Die Tiefton-Membran wird bei "plan" implantierten Hochtönern zu einem vibrierenden und somit hochgradig ungeeigneten Hornfortsatz. Recht hat er. Tannoy macht's trotzdem. Wie auch Cabasse und KEF. Deutschlands viel zu früh verstorbener Senior-Chef in Sachen Lautsprecher, Wolfgang Seikritt, hinterließ als akustisches Erbe einen wunderbar klingenden Koax. Denn auch die Vorzüge des Koax liegen auf der Hand: Sein Abstrahlverhalten ist zu allen Seiten gleich; er erfüllt das Ideal der Punktquelle. Bei den Schotten, die ein fast zehn Zentimeter langes Hochtonhorn verwenden, kommt ein weiteres Plus hinzu: Sie bringen mit diesem Kniff die Schall- entstehungszentren (die Schwingspulen) von Tief- und Hochtöner exakt übereinander und erreichen so ein exzellentes Timing der Kombination. Wo andere Konstrukteure zu schrägen Schallwänden oder Phasenversatz-Elementen auf der Weiche greifen müssen, dürfen sich die Tannoy-Entwickler gemächlich zurücklehnen: Das können ihre Chassis schon seit 1948.

Hörner. Hörner sind laut, aber verfärben auch. So war es früher. Und selbst Hochtonhörner brauchen - wie alle konventionellen Treiber - eine gewisse Mundöffnung zur Wiedergabe tieferer Frequenzen. Der Platz inmitten eines Tieftöners aber ist limitiert, und so müssen die Bässe der koaxialen Tannoy-Gebilde bis etwa 1500 Hertz arbeiten. Ich habe noch keinen 30er- oder gar 38er-Koax erlebt, der transparente Mitten bot. Nach meiner Erfahrung verbieten die relativ hohe bewegte Masse und die starke Schallbündelung zu höheren Frequenzen hin großen Bässen jegliche Mittenwiedergabe.

Deshalb ist die Turnberry HE zwar nicht der imposanteste, aber sicherlich der klanglich ausgewogenste Vertreter der Prestige-Serie. Sein 25er-Konus bringt 1000-Hertz-Signale leichtfüßiger als etwa der bullige 38er der Canterbury HE. Der deutsche Tannoy-Vertrieb (Marantz) jedenfalls ist von den Qualitäten der Turnberry so überzeugt, dass er sie als Monitor für seine SACD - Demonstration auf der diesjährigen High End in Gravenbruch nutzte. Ein klasser Auftritt. Und da gab es unter den Zuhörern niemanden - ich habe zumindest keine gegenteiligen Meinung gehört -, der die Unterschiede zwischen der neuen Super-CD und dem alten Format nicht gehört hätte.

Das spricht einerseits für die SACD, andererseits für die Tannoy. Wenn Lautsprecher wirklich gut sind, brauchen sie keine Super-Hochtöner. Die Turnberry HE kommt auch ohne eine solche Unterstützung auf veritable 25 Kilohertz. Aber das wirklich Erstaunliche: Sie verfärbt nicht. Naja, jedenfalls nicht mehr als moderne Lautsprecher mit artigen Polypropylen-Membranen und Gewebekalotten. Der spezielle Sound, die Direktheit der Pappe ist zwar hörbar - der Klang erinnert anfangs an die Breitbänder alter Radios -, aber halt nur kurz. Bis sich das Ohr eingewöhnt hat und nichts, aber auch gar nichts den wunderbar ausgeglichenen Eindruck der Tannoy stört. Zumal Sekundenbruchteile später ein mächtiger Tieftonbereich dem Kleinhirn unmissverständlich klar macht, dass hier eine große, durchaus bassstarke Box spielt.

Allerdings muss man sich mit dem Bass Mühe geben. An meiner Octave-Röhren-Kombination (HP 500/Stereo 120) produzierte die Tannoy ein amerikanisch anmutendes Spektakel: wuchtige, fette und unsaubere Bässe. Bässe also, wie ich sie auf den Tod nicht leiden kann. Das lag zum einen am Gehäuse (siehe oben), aber auch an dem nicht vorhandenen Dämpfungsfaktor meiner Endstufe. Register 1 ziehen: Die Turnberry muss auf Spikes. Register 2: Sie braucht die harte Hand. Mit einer vielleicht etwas überzogenen, weil recht teuren Bi-Amping-Variante (zwei Amps von AVM im Bass plus der Stereo 120 im Hochtonbereich) kam ich ans Ziel. Mir blieb oben die Seidigkeit, und ich bekam die Form von Bass die ich mir von Boxen dieser Machart wünsche: druckvoll und präzise.

Aber Bässe gehen mir nicht über alles. Ich bin ein Freund der Mitten, und nur transparente Boxen finden meine Anerkennung. Die Turnberry HE bekam sie. Weil sie eine ehrliche Haut ist, die keine Räumlichkeit produziert, wo der Tonmeister keine vorgesehen hat. Weil sie ungeschickte Phasenverschiebungen einzelner Aufnahmen schonungslos entlarvt, indem sie das imaginäre Kartenhaus blitzschnell zusammenfallen lässt. Weil sie aber auch - im Umkehrschluss quasi- bei perfekt eingespielten Stücken wie dem "Picknicker" der Fantastischen Vier ("Unplugged") genau die greifbare Plastizität produziert, die Musik so lebendig machen kann, Die Stimmen der Stuttgarter Jungs baute sie unverrückbar vor mir auf.

Doch diese neumodische Musik ist nichts für eine Turnberry. Sie ist eine Box alten Schlages, die erst mit angemessener Musik richtig auftaut. Etwa mit Jimi Hendrix. Am besten live ("In The West") und analog. Mit dem genial eingespielten "Little Wing" habe ich auch die letzten meiner doch spöttisch-skeptischen (hüstel, hüstel, was haste Dir denn da wieder aufgehalst?) Freunde von den Vorzügen einer Turnberry überzeugen können. Natürlich bei Pegeln, wie man sie früher gehört hat und mit dem Flair, wie ihn nur solche gradlinige Boxen wie die Schottinnen haben.

Postskriptum: Jetzt habe ich so lange auf der skurril-altmodischen Anmutung der Tannoy herumgeritten, dass ich die Neuerung an ihr nicht unterschlagen möchte: Die Schotten propagieren die Erdung des Chassis. Jawohl: Der Korb lädt sich elektrostatisch auf, und diese Spannung sollte man über eine zusätzliche Buchse (verbunden mit der Erde des Verstärkers) am Anschluss-Terminal ableiten. Kein Scherz: Dieser simple Kniff (wieso ist da eigentlich noch keiner vorher drauf gekommen?) ist eindeutig hörbar. Das Klangbild löst sich besser, die Darstellung bekommt noch mehr Struktur. Das ist kein Grund, diesen jungen Oldie zu kaufen. Aber ein weiterer, ihn ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Fazit:

Charaktervoller Old-fashion-style-Lautsprecher für erwachsene Hifidelisten. Ihrem Aussehen zum Trotz spielt die Turnberry - auch dank der punktgenauen Koax-Konstruktion - absolut auf der Höhe der Zeit. Nicht billig, aber originell und gut.


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